Vitrine 7
Germanen, Kelten, Römer – Wer waren die Pfahlbauer?
Die Frage nach der Herkunft der Pfahlbaumenschen beschäftigte die Forschung von Anfang an. Historische Quellen ließen unterschiedliche Deutungen zu. Helvetier, Kelten, Gallier, Germanen, Römer, sogar Phönizier wurden in Betracht gezogen. Dichter und Künstler griffen diese Interpretationen auf und verarbeiteten sie in Theateraufführungen, Festumzügen, Romanen, Gedichten und Ölgemälden. Im 19. Jahrhundert entstanden fantasievolle Illustrationen, die die Pfahlbaumenschen wahlweise als Kelten – mit roten und blonden Haaren, oder als Germanen – mit auffälligen Haarknoten – zeigen. Um die ausgedehnten Handelsbeziehungen bis zum Mittelmeer zu dokumentieren, wurden sie auch schon mal als Phönizische Händler dargestellt. Deutsche, Schweizer, Franzosen, Italiener, Österreicher und Ur-Europäer aus dem Osten, Süden und Westen – scheinbar alle standen als Schöpfer der Pfahlbauten zur Diskussion.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich die Annahme durch, die Pfahlbaumenschen stammten aus dem fernen Asien und hätten als Indogermanen über die Donauländer und Oberitalien sowie die Rhone aufwärts über die Schweiz den Bodensee erreicht. Demgegenüber hielt sich die Idee einer Einwanderung von Norden aus einer „Urheimat der Germanen“ hartnäckig. Die Nationalsozialisten missbrauchten diese These für ideologische Zwecke und befeuerten einen Germanenmythos, der in Deutschland 1945 schlagartig endete. In der Schweiz ging die Forschung nicht von einer Einwanderung aus, sondern von einer lokalen Entwicklung vom Jäger zum Bauern. Alles in allem führte die Unsicherheit in der Herkunftsfrage ab den 1950er Jahren zu einem Verzicht auf Bilder und Erklärungen.
Heute bestätigen eingehende Untersuchungen der Funde, absolute Datierungen und genetische Analysen vielfältige kulturelle Einflüsse aus verschiedenen Himmelsrichtungen. Etwa aus dem Osten entlang der Donau, über den Alpenhauptkamm aus dem Süden und auch aus dem Westen. Die bislang ältesten Daten stammen aus Griechenland und Makedonien. Zufriedenstellend wird diese Frage erst nach weiteren systematischen Untersuchungen geklärt werden können.
Jägers Heimkehr in der Pfahlbautenzeit
Illustration: Johann Gottlieb Hegi, 1865
Foto: Stadtarchäologie Zürich (CH)
„Und tatsächlich schützten die ersten Krieger ohne Lendenschurz und Helm ihre Schultern und Köpfe mit den Häuten wilder Tiere …“
Philipp Clüvers (1616)
Pfahlbauer am historischen Umzug anlässlich des Neuenburger Kantonalen Schützenfestes 1882
Foto: Latènium (CH)
„… die Leute von damals werden wohl nur das Gerben verstanden haben, also in lauter Pelz und Leder dahergestiegen sein …“
Friedrich Theodor von Vischer (1879)
Pfahlbaustation Konstanz-Rauenegg
Gemälde: Anton Seder, 1871
Foto: RGM
„… das Haar (der Gallier) ist nicht nur schon von Natur aus blond, sondern sie verstärken auch noch durch ihre künstliche Behandlung diese eigentümliche Farbe.“
Diodorus Siculus (um 40 n. Chr.)
Der Pfahlbauer
Gemälde: Albert Anker, 1886
Foto: SIK (CH)
„… ein Kennzeichen dieses Volkes ist die Sitte, das Haar schräg zu tragen und in einem Knoten zusammenzubinden. Hierdurch unterscheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen …“
Publius Cornelius Tacitus (98 n. Chr.)
Pfahlbauromantik
Gemälde von Carl von Haeberlin, 1887
Foto: APM
„Die Frauen der Gallier stehen nicht nur in der Leibesgröße den Männern nicht nach, sondern nehmen es auch in der Stärke mit ihnen auf.“
Diodorus Siculus (um 50 n. Chr.)
Légendes historiques de la Suisse, Les cités lacustres
Liebig Sammelbild, 1939
Foto: APM
„Die Stämme Germaniens sind ein eigenwüchsiges, unvermischtes Volk von unvergleichlicher Eigenart. Darum ist auch die äußere Erscheinung bei allen die gleiche: alle haben trotzig blaue Augen, rotblondes Haar und hünenhafte Leiber, die freilich nur zum Angriff taugen.“
Publius Cornelius Tacitus (98 n. Chr.)
Villages Lacustres
Liebig Sammelbild, 1939
Foto: APM
„… Die Teile jenseits des Rhenus, unmittelbar nach dem Land der Kelten … werden von den Germanen besetzt, die sich nur geringfügig vom keltischen Stamm unterscheiden, und in zwar insofern, als dass sie wilder und größer sind und gelberes Haar haben …“
Strabon (7 v. Chr.)
Germanin und Germane der Bronzezeit um 1500 v. Chr.
Figurinen: Heinrich Keiling, nach H. Hahne, Halle um 1927/28
Foto: LFA Halle
„Es könnte somit scheinen, als ob in der Bronzezeit die uralte Fellkleidung völlig vor der gewebten gewichen wäre.“
Friedrich Rausch (1928)
Living History in den Pfahlbauten, 1934
Foto: Udry | APM“
„Nackte Südseeleute in falschen steinzeitlichen Kostümen sind … nicht brauchbar. … Ich werde nun Trachtenfiguren mit schöner bronzezeitlicher Kleidung schicken.“
Hans Reinerth an Georg Sulger (1932)
Geköpfte Germanenfiguren aus Gips, nach 1945
Figurinen von Heinrich Keiling nach H. Hahne im Archiv des Pfahlbaumuseums
Foto: G. Schöbel | APM
„Die Rassetypen sind Idealbilder, die es in dieser Form früher nicht gegeben haben kann.“
Oscar Paret (1947)
Pfahlbauer
Wandtafelskizze für den Unterricht
Illustration: H. Pfenninger, 1967
Foto: P. Raimann
„Weil wir kein falsches Lebensbild zeigen wollen, zeigen wir … vor allem die Architektur oder die Menschen nur von weitem.“
Andrea Hagendorn und Marco Bernasconi (2022)
Pfahlbauer
Schulwandbild um 1960
Illustration: P. Eichenberger
Foto: Frank Müller | APM
„Hellhäutigkeit ist Folge von Migration: Die ersten Bauern … brachten nicht nur Ackerbau und Viehzucht mit, sondern auch eine schwächere Pigmentierung der Haut.“
Johannes Krause (2021)
Morgen nach dem Sturm (neolithische Seeufersiedlung)
Illustration: atelier bunterhund, 2014
Foto: atelier bunterhund
„Das ganze Erscheinungsbild der Neolithiker unterscheidet sich aber kaum von den Europäern des 20. Jahrhunderts!“
Alex R. Furger (1983)